Ein Feuer im Teamhotel, elf Tote, ein junger HFC-Spieler unter den Opfern: Am 28. September 1971 erlebte die Mannschaft des HFC Chemie in Eindhoven die größte Katastrophe der deutschen Europapokal-Geschichte. Am 28. September jährt sich die Tragödie zum 55. Mal.
Die internationale Bilanz des Halleschen FC fällt schmal aus – gerade einmal fünf Europapokalspiele stehen in der Vereinsgeschichte zu Buche. Der Klub aus Sachsen-Anhalt spielt seit Jahrzehnten auch national keine große Rolle mehr, zuletzt stieg er von der dritten in die vierte Liga ab. Und doch ist der Name des HFC untrennbar mit einem der dunkelsten Kapitel des europäischen Vereinsfußballs verbunden.
Der dritte Platz in der DDR-Oberliga der Saison 1970/71 hatte dem HFC Chemie erstmals seit Jahren wieder internationale Auftritte beschert. In der ersten Runde des UEFA-Cups – dem Vorläufer der heutigen Europa League – traf die Mannschaft auf PSV Eindhoven. Im Hinspiel vor 35.000 Zuschauern im Kurt-Wabbel-Stadion erkämpften sich die Hallenser ein achtbares 0:0. Für das Rückspiel am 29. September reisten die „Chemiker“ nicht ohne Chancen an, erstmals in die zweite Runde eines Europapokalwettbewerbs einzuziehen.
Am Morgen des Spieltags jedoch bricht im Hotel „Silbernes Seepferd“ – im deutschen Sprachraum meist „Silbernes Seepferdchen“ genannt –, in dem die Mannschaft untergebracht ist, gegen 5 Uhr ein Feuer aus. Die genaue Ursache konnte nie zweifelsfrei geklärt werden. Innerhalb weniger Minuten steht das vierstöckige Gebäude in Flammen, die Fluchtwege sind kaum beleuchtet, dichter Rauch macht ein Entkommen für viele der 86 Hotelgäste nahezu unmöglich.
Verteidiger Klaus Urbanczyk, damals 31 und bereits Olympia-Dritter von Tokio 1964, springt aus einer der oberen Etagen und zieht sich dabei schwere Verletzungen zu. Statt sich in Sicherheit zu bringen, kehrt er ins brennende Gebäude zurück, durchbricht mehrere Fenster und rettet weitere Hotelgäste.
Erst im Krankenhaus erfährt Urbanczyk, dass er selbst dem Tod nur knapp entkommen war. Unter den elf Toten der Brandkatastrophe befindet sich auch sein Mannschaftskollege Wolfgang Hoffmann aus Sangerhausen, gerade einmal 21 Jahre alt. Der Mittelfeldspieler, der erst kurz zuvor in die Oberligamannschaft berufen worden war und wegen des verletzten Stürmers Werner Peter mit nach Eindhoven gereist war, kam laut Berichten ums Leben, weil er noch einmal ins brennende Hotel zurückkehrte, um persönliche Sachen zu holen. Weitere HFC-Spieler, darunter Nachwuchsspieler Erhard Mosert, wurden schwer verletzt.
Das für den 29. September angesetzte Rückspiel findet nicht mehr statt. Der HFC zieht seine Mannschaft aus dem Wettbewerb zurück, PSV Eindhoven erreicht kampflos die nächste Runde. An der Stelle des Hotels, das nie wieder aufgebaut wurde, steht heute ein Wohnkomplex.
Urbanczyk selbst tat sich noch Jahrzehnte später schwer damit, das Erlebte zu verarbeiten. Auch bei PSV Eindhoven blieb die Erinnerung an die Katastrophe präsent: Die mutigen Rettungsaktionen der Hallenser Spieler sind dort bis heute nicht vergessen, einige hielten über Jahrzehnte Kontakt zu niederländischen Überlebenden.
35 Jahre nach dem ausgefallenen Duell holten beide Klubs das Rückspiel symbolisch nach: Im April 2006 empfing der HFC, damals Viertligist, den niederländischen Champions-League-Teilnehmer im alten Kurt-Wabbel-Stadion – mit PSV-Stars wie Phillip Cocu und Jefferson Farfán sowie Trainer Guus Hiddink, der 1971 selbst noch für PSV gespielt hatte. Unter den Ehrengästen war auch der Vater von Wolfgang Hoffmann. Ein Gedenkstein am HFC-Stadion erinnert bis heute an die Opfer der Brandnacht von Eindhoven.